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18.01.2007 - «Alle 10 Jahre eine Fahrer-Weiterbildung»

Wie Astra-Direktor Dieterle für mehr Verkehrssicherheit sorgen will

Neue Zürcher Zeitung

Woran wird der Autofahrer merken, dass ab 2008 der Bund für Bau, Unterhalt, Betrieb und Management der Nationalstrassen zuständig ist?

Rudolf Dieterle: Mittelfristig profitiert er von einem noch sichereren Verkehrsablauf und einer optimierten Verfügbarkeit der Nationalstrasse.

Das heisst, es wird noch mehr gebaut?

Rudolf Dieterle: Auch wir können Fahrer nicht mit Baustellen verschonen, die braucht es für Unterhalts- oder Ausbaumassnahmen. Wir setzen aber alles daran, dass die Behinderungen möglichst gering bleiben.

Kürzere Baustellen auf Autobahnen

Was heisst das konkret?

Rudolf Dieterle: Die Baustellen werden so aufeinander abgestimmt, dass eine einzelne Grossbaustelle maximal rund 15 Kilometer lang ist und der Automobilist danach, abgesehen von Tagesbaustellen, für rund 50 Kilometer wieder freie Fahrt hat.

Die neue Rollenverteilung soll im Bereich Strassen ein jährliches Sparpotenzial von 100 Millionen Franken auslösen. Eine realistische Erwartung?

Rudolf Dieterle: Nicht bereits für 2008, nach einigen Jahren aber durchaus. Wir können nun einheitliche Standards durchsetzen und Beschaffungsprozesse optimieren. Die Organisation wird gestrafft und die Grösse der Aufgabenperimeter optimiert.

Klingt professionell. Bei diesem Geschäft sind Sie also guten Mutes. Gilt das auch für das geplante Massnahmenpaket für mehr Verkehrssicherheit? Wann kommt «Via sicura» in den Bundesrat?

Rudolf Dieterle: Voraussichtlich Mitte 2007.

Braucht es «Via sicura» überhaupt noch? Die Zahl schwerer Verkehrsunfälle ist doch stetig zurückgegangen, und Verschärfungen wie das Kaskadensystem bei den Strafen, die tiefere Alkohollimite oder die Zwei-Phasen-Ausbildung für Anfänger zeigen die erwünschte Wirkung.

Rudolf Dieterle: Rund 400 Tote und 5000 Schwerverletzte pro Jahr sind inakzeptabel, der Strassenverkehr birgt im Vergleich mit anderen Verkehrsträgern nach wie vor ein zu hohes Restrisiko für den Einzelnen. Es besteht also weiterhin Handlungsbedarf.

Besteht nicht Gefahr, dass mit weiteren Auflagen die grosse Mehrheit korrekter Fahrzeuglenker «bestraft» wird, während die wirklich gefährlichen sich sowieso über alle Regeln hinwegsetzen?

Rudolf Dieterle: Letztgenannte bilden zum Glück nur eine sehr kleine Minderheit. Schwere Unfälle aber werden nicht nur durch diese Randgruppe verursacht, sondern oft auch durch ganz gewöhnliche Autofahrer, die halt einmal ein wenig zu viel trinken, ein wenig zu schnell fahren oder ein wenig zu stark abgelenkt sind.

Wir erinnern uns an umstrittene Massnahmen in diesem Paket wie etwa ein totales Handy-Verbot im Auto, Tempolimiten nur für Motorradfahrer oder einen WK für Lenker alle zwei Jahre. Das wäre doch mehr Schikane als Sicherheit.

Rudolf Dieterle: Die erwähnten Beispiele sind in den 56 Massnahmen von «Via sicura» nicht mehr enthalten. Es braucht aber einen breiten Ansatz. Damit nur noch gut ausgebildete Lenker in sicheren Fahrzeugen auf fehlerverzeihenden Strassen verkehren, müssen so verschiedene Faktoren beeinflusst werden wie das Problembewusstsein, das Fahrverhalten, die Sicherheit von Fahrzeugen und die Infrastruktur oder die Leistung der Rettungsdienste.

Die kontinuierliche Fahrerausbildung bleibt also?

Rudolf Dieterle: Die Weiterbildung der Fahrer soll sich am lebenslangen Lernen orientieren, das in anderen Bereichen völlig selbstverständlich ist. Wir können uns vorstellen, dass die Fahrer alle 10 Jahre einen Weiterbildungskurs besuchen müssen.

Datenschreiber für Wiederholungstäter

Kommt der obligatorische Datenschreiber?

Rudolf Dieterle: Wir werden wohl den Unfalldatenschreiber nicht generell vorschreiben, da die Präventivwirkung im Vergleich zu den Kosten zu gering ist, wie deutsche Studien zeigten. Doch können wir uns vorstellen, dass wiederholte Tempo-Delinquenten oder Raser den Führerausweis nur dann zurückerhalten, wenn sie bereit sind, ihr Fahrverhalten aufzeichnen zu lassen.

Was haben Senioren am Steuer zu erwarten?

Rudolf Dieterle: Zur Debatte steht ein mehrstufiges Modell: Die untersuchenden Ärzte sollen verkehrsmedizinisch besser ausgebildet und die medizinischen Mindestanforderungen erhöht werden. Zudem prüfen wir die Herabsetzung der Altersgrenze für regelmässige ärztliche Kontrollen von 70 auf 65 Jahre. Optimiert werden soll auch die Kooperation zwischen Hausarzt und zuständiger Behörde. Der Hausarzt hat ein Vertrauensverhältnis zum Patienten, kennt seine Krankheitsgeschichte bestens. Bei Zweifeln an der Fahreignung kann er ihn an einen Vertrauensarzt weiterweisen. Bleiben die Zweifel, müssen sie durch eine verkehrsmedizinische Untersuchungsstelle geklärt werden.

Und wie pariert man rücksichtslose Raser?

Rudolf Dieterle: Dafür gibt es keine Patentrezepte, doch es handelt sich um eine Minderheit, für die bereits ein Instrumentarium zur Verfügung steht, das die Justiz auch zunehmend ausschöpft. Es reicht von langen Freiheitsstrafen und Führerausweisentzügen bis zum Einziehen der «Tatwaffe» Auto. Nun schlagen wir weiter die systematische Nachschulung von Wiederholungstätern oder auch verdichtete Kontrollen an gefährlichen Stellen vor.

Keine starken Autos mehr für Anfänger?

In Italien regte der Verkehrsminister jüngst an, dass Neulenker keine stark motorisierten Autos mehr fahren dürften. Eine sinnvolle Massnahme?

Rudolf Dieterle: Wo liegt die Grenze? Auch Einsteigermodelle verfügen heute über Motorisierungen, mit denen man vor zehn Jahren noch prahlen konnte. Zudem: Was machen wir mit jungen Berufsleuten, die ein Geschäftsfahrzeug führen müssen? Was geschieht mit dem zu hoch motorisierten Familienfahrzeug? Die Beschränkung hätte für junge Leute und die Gesellschaft mehr Nachteile als ihr geringfügig positiver Beitrag für mehr Verkehrssicherheit.

Finden Sie es zulässig, wenn Versicherungen ihre Haftpflichtprämien nach dem potenziellem Risiko einer bestimmten Zielgruppe festlegen?

Rudolf Dieterle: Eine risikogerechte Bemessung hebt die Verkehrssicherheit. Allerdings sind es Individuen, die Risiken setzen, nicht «Zielgruppen». Es ist daher heikel, wenn unbesehen des fahrerischen Leumunds Personen aufgrund ihrer Herkunft, Ethnie, Rasse oder anderer Kriterien, die sie selber nicht beeinflussen können, in einen Topf geworfen werden. Ob ein solches Vorgehen legal ist, müssen die Gerichte beurteilen.

Das seit Januar geltende neue Strafrecht bewirkt auch, dass Tempoüberschreitungen innerorts um 25 km/h, ausserorts um 30 km/h und um 35 km/h auf Autobahnen je nach Kanton und Lohn neben dem Fahrausweisentzug gegen 10 000 Franken kosten können. Ist das noch verhältnismässig?

Rudolf Dieterle: Das System einkommensabhängiger Tagessätze erscheint gerechter, und wir sind der Meinung, dass harte Bussen präventive Wirkung zeigen. Laut den Empfehlungen der Konferenz der Strafverfolgungsbehörden müsste der Ersttäter in Ihrem Beispiel aber immerhin rund 40 000 Franken pro Monat verdienen, um eine Busse von 10 000 Franken zu erhalten.

Interview: hag.

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